30.09.2008
Preisexplosion bei Kali- und Natronlauge
Hersteller von Reinigungsmitteln für technische Anwendungen sehen sich ungeahnten Entwicklungen ausgesetzt
Bei der jüngsten Zusammenkunft der Hersteller von Reinigungsmitteln für technische Anwendungen – Fachbereich Metallindustrie und Technische Reinigung im Industrieverband Hygiene und Oberflächenschutz (IHO) - wurde die besondere Betroffenheit der Reinigungsmittelhersteller durch die Rohstoffverknappung und Preisexplosion festgestellt. „Öl- und Gaspreise, Energie und Transportkostensteigerungen kennt jeder. Aber nun sind auch bei ganz einfachen anorganischen Grundchemikalien extreme Preisentwicklungen bekannt geworden. Natronlauge 100% Preissteigerung im letzten halben Jahr, festes Kaliumhydroxid 400%!“, stellte Jens Christensen, der Fachbereichsvorsitzende, ernüchtert fest. Einkaufsleiter der Mitgliedsfirmen verwiesen auf Marktberichte unabhängiger Quellen wie Harriman Chemsult, Fertilizer Week, Budenheim Report und EUWID. „Wir müssen letzte Mengen an den Spotmärkten zusammenkaufen“, charakterisierte Hubertus Fies als Leiter der Expertengruppe die bisher nicht für möglich gehaltene Situation. „Dass einfache Rohstoffe nicht nur teuer, sondern manchmal schlicht nicht verfügbar sind, gemahnt an Notzeiten der frühen 50er Jahre, die wir überwunden glaubten“, ergänzte Axel Böhme, federführend im Bereich industrielle Teilereinigung.
Zwei Aspekte machen die Situation für die Hersteller von Reinigungsmitteln besonders prekär: die Entwicklung kam so schnell, drastisch und überraschend, dass alle Marketing - Planungen Makulatur waren. Und gerade die Alkalitätsträger Natron- und Kalilauge sind in vielen Rezepturen enthalten, oft in hohen Anteilen, und durch nichts zu ersetzen.
Man war sich einig, dass als Ursache die Förderung des Anbaus von Getreide, Mais, Raps und Kartoffeln für Ethanol und Raps (RME, „Biosprit“) anzusehen sei. Das entzieht der Nahrungsmittelproduktion Anbaufläche und Düngemittel, zu einer Zeit, da auch die weltweite Nachfrage nach Futter- und Verzehrpflanzen stark steigt. Gleichzeitig sind die Verarbeitungskapazitäten für die Mineralien mittelfristig begrenzt, so dass wenige % Nachfragesteigerung eine hohe zweistellige Preissteigerung bewirken. In der Zeitschrift „RohstoffSpiegel“ 13/2008 wird berichtet, dass der Preis für Kalisalz (KCl) im ersten Halbjahr von 210 US-Dollar pro Tonne auf 625 im Juni gestiegen ist, und Rohstoffexperten erwarten eine weitere Steigerung auf 1350 USD pro Tonne in den nächsten drei Jahren. Die International Fertilizer Industry Association (IFA) prognostizierte anlässlich ihres 76. Jahreskongresses, im Mai dieses Jahres in Wien, dass die Nachfrage noch bis 2010 alle eventuell möglichen kleinen Kapazitätserweiterungen auszehren wird. Vor diesem Hintergrund gehen die Fachleute davon aus, dass diese prekäre Situation andauern wird, ja sich verschlimmert.
Des einen Leid, des Andern Freud: Erst kürzlich meldete Kali & Salz eine Gewinnsteigerung von 447,6% im Vergleich des zweiten Quartals mit dem Vorjahr, und anderen Produzenten geht es vermutlich nicht schlechter. Ein Oligopol von Anbietern kann erhebliche Preissteigerungen durchsetzen. An der Weiterverarbeitung zu einsetzbaren Prozesschemikalien sind hingegen eine Vielzahl klein- und mittelständischer Spezialitätenhersteller beteiligt, die alle ihre Planungen über den Haufen geworfen sehen.
Auch politische Initiativen werden keine kurzfristige Lösung bringen. Anlässlich einer Pressekonferenz der Landesvertretung NRW am 2. September 2008 zur Zukunft des Chemiestandorts Deutschland forderte Ministerpräsident Rüttgers die Bundesregierung auf, ein Rohstoffkonzept zu erarbeiten. Das befürworten auch die Firmen unserer Branche.
Die Mitgliedsfirmen des IHO versuchen derweil, die Liefersicherheit ihrer Produkte sicherzustellen und die Versorgung ihrer Kunden aufrecht zu erhalten und sei es auch unter extremen Kosten. Die Hersteller gewerblicher Reinigungsmittel setzen ihre Priorität hierbei weiterhin eindeutig auf die Qualität und das hohe Leistungsniveau.
